„Der Geist kennt kein Alter“

11. Mai 2016 um 9:00 Uhr

weber_kantGábor Marian Kant und Thorsten Weber werden am Samstag vor Pfingsten zu Priestern geweiht – ein Portrait

Die beiden Diakone, die am Samstag, den 14. Mai um 10.30 Uhr im St. Marien-Dom zu Priestern geweiht werden, unterscheiden sich von vielen „Neupriestern“. Beide sind 52 Jahre alt. Beide waren schon in einem anderen Beruf heimisch und erfolgreich. Beide können deshalb einiges erzählen.

Als die Entscheidung, Priester zu werden, gefallen war, musste Thorsten Weber erst einmal mit seinem Sender sprechen. Weber moderierte damals auf NDR Kultur, Schwerpunkt klassische Musik. Seine Stimme war den Hörern vertraut. Er konnte nicht einfach aussteigen und als Theologiestudent weitermachen. Aber es fanden sich Nachfolger für die Moderation, der Weg zum Studium war frei.

Ein 45-Jähriger, der einen Traumjob an den Nagel hängt, um fünf Jahre lang zu studieren und drei Sprachen zu lernen. Wie kam es dazu? Thorsten Weber hat Kulturreisen organisiert, etwa „Auf den Spuren Goethes nach Rom“. „Ich saß auf einer solchen Reise in einem Café an der Ponte Cestio am Tiber. Es war ein wunderschöner Nachmittag. Und ich betete ein langes Dankgebet. Ich war doch gesund, hatte Freude am Beruf, hatte ein rundum glückliches Leben. Was ich nicht erwartet hatte war, dass eine Antwort kam.“ Die Antwort lautete: „Ja, bis hierher war alles richtig. Aber es gibt einen neuen Weg für dich.“ Ein neuer Weg? Was tun? Das Gehalt den Armen spenden? Essen auf Rädern fahren? Thorsten Weber grübelte eine Weile, bis er eines Nachts, vor seiner Frühsendung, den Computer aufklappte und im Internet suchte: Wie wird man eigentlich Priester?

Thorsten Weber ist in einer evangelischen Kaufmannsfamilie in Eppendorf aufgewachsen, war mit Begeisterung bei der Konfirmation dabei, ist immer religiös interessiert gewesen. Nachdem er 1996 das Interviewbuch „Salz der Erde“ von Kardinal Ratzinger gelesen hatte, zog es ihn mehr und mehr zur katholischen Kirche. „Es war die größere Fülle und Weite, die mich in der katholischen Kirche angezogen hat. Das tiefere Eucharistieverständnis, auch in der Anbetung, die spürbare Gemeinschaft im Glauben beim Friedensgruß, die festliche Liturgie, in der etwas Mystisches deutlich wird.“ Der Redakteur trat in die katholische Kirche ein.

Und nun: der neue Weg – vielleicht als Priester. Bin ich nicht zu alt, um Priester zu werden? Mit dieser Frage ging Thorsten Weber zum Hamburger Erzbischof. Der Musikredakteur kannte den musikliebenden Erzbischof Thissen von beruflichen Begegnungen. Dessen Antwort: Für den Heiligen Geist gibt es keine Altersgrenzen. Ob es aber tatsächlich der Ruf des Heiligen Geistes sei, der zu ihm sprach, könne er herausfinden, wenn er sich auf den Weg mache.

„Es gibt einen Punkt, an dem muss man springen“, sagt Diakon Thorsten Weber heute. Er ist gesprungen, hat an der Hochschule St. Georgen noch einmal ein zweites Studium absolviert – nach dem 20 Jahre zurückliegenden Jurastudium – und ein erfülltes Jahr als Diakon in Ludwigslust verbracht. „Es war wunderbar zu erfahren, dass mich die Menschen angenommen haben“, resümiert er diese Zeit. Es gab währenddessen noch eine besondere Zugabe. Thorsten Weber konnte als Diakon in einer Messe mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. am Altar stehen – mit dem Mann also, dessen Gedanken ihn 1996 auf einen neuen Weg brachten.

Bevor Gábor Marian Kant seine Diakonenwohnung in Neubrandenburg räumte, musste er noch etwas regeln. Er hatte einen syrischen Christen aufgenommen. Und ehe Hadi Karam nicht Wohnung und Ausbildung hatte, konnte der Diakon nicht weg. „Aber auf die Neubrandenburger kannst du dich verlassen.“ Alles klappte. Gábor Kant stieg in sein Auto und fuhr gen Osnabrück zur letzten Kurseinheit vor der Priesterweihe.

Einiges hat der gebürtige Cottbuser schon erlebt. Die Augenoptikerausbildung in Jena wurde zum ersten Wendepunkt in seinem Leben. Er lernte katholische Mitschüler kennen, schloss sich der Studentengemeinde an. „Das war wie ein Geheimtreff. In der Kirche konnte man contra sein. Mit 17 eröffneten sich ganz neue Perspektiven.“ In Gera arbeitete er als Industrieoptiker bei „Carl Zeiss“. Bei seinem Pfarrer ging er ein und aus, ging – spät – zur Erstkommunion und wurde gefirmt.

„Ich habe mich, gerade erst gefirmt, kaum getraut zu fragen, ob ich Theologie studieren könne. Ich glaubte, man hielte mich für verrückt.“ Dem war nicht so. Kant kündigte seinen Job, verschenkte Möbel und Stereoanlage und machte erst einmal ein „Jahr für Gott“. Nach dem Abitur folgte das Theologiestudium in Erfurt und Rom. Mit anderen Studenten gründete er den katholischen Studentenverein „Unitas Ostfalia zu Erfurt“. Die Unitas begleitet ihn bis heute.

Das Diplom in der Tasche, packte den jungen Theologen dann doch die Angst vor der eigenen Courage. Statt vor der Weihe stand er bald wieder vor einer Entscheidung. „Entweder Armut oder Kohle. Ich habe mich für die Kohle entschieden.“ Er zog in eine große Stadt, nach Hamburg, um sein Glück zu machen. Straßenmarkierungen legen, Möbel packen – das waren seine ersten Jobs. „Dann rief mich ein Unitarier an: Warum wirst du nicht Berater?“ Kant heuerte bei der renommierten Finanzberatung MLP an. „Bald verkehrte ich in Kreisen, die ich mir als Student noch nicht einmal vorstellen konnte.“ Das süße Leben: Eigener Herr sein, selbständig, sattes Einkommen, tolle Wohnung, gute Autos, Reisen. Dem Glauben blieb er trotzdem treu. „Der Dom war quasi um die Ecke. Um 18 Uhr aus dem Büro in die Messe, sofort danach zum nächsten Kundentermin.“ Wenn Kollegen sagten: „Der ist ja gar nicht so katholisch,“ antwortete er: „Doch, bin ich.“

Eine neue Wende brachte ein Urlaubstag mit einer befreundeten Familie. Abendstimmung am Luganer See, Gespräch bei einem Glas Rotwein. Sein Freund fragte: „Willst du noch Priester werden?“ „Ich habe erklärt, warum das jetzt kaum noch ginge. Meine Kunden, mein Alter, Verpflichtungen aus meinem gewohntes Leben…“ Der andere: „Ich habe dich nicht gefragt, warum das nicht geht. Ich habe gefragt: Willst du das?“

Wenig später führte Kant ein erstes Gespräch mit dem Hamburger Regens. Im Sachen-Verschenken hatte der Theologe ja Übung. Der Rest ging schnell. Es folgten Praktika im Kloster Marienfeld und Hamburg-Niendorf, das Diakonat in Neubrandenburg. „Das ganze Leben besteht aus Begegnungen“, sagt der Diakon. „Bei mir kamen die richtigen zur richtigen Zeit.“

Text: Andreas Hüser | © Neue KirchenZeitung