Predigt zum Jahresschluss von Erzbischof Stefan Heße

31. Dezember 2018 um 18:15 Uhr

Die Predigt zum Jahresschluss von Erzbischof Stefan Heße – gehalten im St. Marien-Dom am 31.12.2018 – dokumentieren wir nachfolgend im Wortlaut. Sie können das Dokument auch hier als PDF downloaden. Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

in dieser Nacht geht das Kalenderjahr 2018 zu Ende. Jeder von uns hat das gleiche Kalenderjahr erlebt, die gleiche Zeit hinter sich. Aber jeder von uns hat sie anders erlebt. Für den einen konnte dieses Jahr nicht schnell genug vorbeigehen. Für den anderen rast die Zeit viel zu schnell dahin. Wie wir unsere Lebenszeit, wie wir die Zeit eines Jahres erleben und erfahren, hängt wohl zunächst davon ab, was in dieser Zeit passiert. Ist es eine Zeit, die dahindümpelt und die von uns als leer oder langweilig empfunden wird? Oder ist es eine Zeit, die prallvoll ist mit Herausforderungen, mit Anfragen, mit Entwicklungsschritten, mit Veränderungen?

Mein Vorgänger, Erzbischof Werner Thissen, hat vor einigen Wochen seinen 80. Geburtstag gefeiert. Er hat sich dazu in ein Kloster zurückgezogen und die Tagebücher aus seinen vielen Lebensjahren mitgenommen und gelesen. Er ist zwar nicht zu Ende gekommen. Ich finde das aber eine sehr gute Idee, nicht nur die Tage zu zählen, sondern darauf zu schauen, was in diesen Tagen geschieht und wie sich unser Leben gestaltet und verändert.

Vielleicht ist das, was er da getan hat, genau das, was von Maria nach der Geburt Jesu berichtet wird: Sie lässt die einzelnen Ereignisse bei der Geburt nicht an sich vorbeischreiten, hakt sie ab und dann sind sie weg, sondern es heißt ausdrücklich, dass sie alles in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Vielleicht ist das Herz das eigentliche Tagebuch des Menschen, in dem er die Erfahrung seines Lebens festhält.

Liebe Schwestern und Brüder, der Jahreswechsel will uns ausdrücklich zu solch einem Herzenstagebuch einladen. Er hält die Zeit ja nicht an. Sie bleibt nicht stehen. Aber wir können uns vielleicht ein wenig zurücklehnen und wie Maria darüber nachdenken.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich auf das Jahr 2018 zurückschaue, dann denke ich in allererster Hinsicht an die großen Herausforderungen im Hinblick auf die Veränderungen im Schulbereich im Erzbistum Hamburg, die im Januar 2018 verkündet wurden. Das war ein großer Einschnitt, der vielen wehgetan hat und den wir sicher anders und besser hätten kommunizieren können und müssen. Ich denke aber auch an den September dieses Jahres, wo die Studie über den sexuellen Missbrauch in der Kirche Deutschlands vorgestellt wurde. Hier bei uns im Erzbistum hat parallel dazu der Generalvikar eine Pressekonferenz gehalten, um die diözesanen Ergebnisse der Studie vorzustellen. Das Ergebnis ist traurig. Für den Zeitraum von 1946 bis 2014 wurden fast vierzigtausend Akten in unseren deutschen Diözesen ausgewertet. Darin sind 3677 Kinder und Jugendliche als Betroffene von sexuellem Missbrauch dokumentiert. In unserem Erzbistum gibt es 33 beschuldigte Priester, davon wurden fünf rehabilitiert. Die Spitze eines großen Eisberges!

Wenn ich auf 2018 schaue, dann denke ich an die Diskussionen unter uns deutschen Bischöfen über die Frage des Kommunionempfangs in konfessionsverbindenden Ehen. Ich denke an die Auseinandersetzungen um Menschen auf der Flucht, besonders im Mittelmeer. Ich denke an die internationalen Pakte zu Migration und Flucht. Ich denke an die kürzliche Umweltkonferenz in Katowice. Mir kommt daneben auch in den Sinn die Gründung unseres diözesanen Caritasverbandes. Ich denke an die großartige Messdienerwallfahrt mit fünfhundert Ministrantinnen und Ministranten aus unserer Erzdiözese nach Rom. Ich erinnere mich an die Jugendsynode, die drei Wochen in Rom mit dem Papst tagte, an der nicht nur Bischöfe, sondern zum ersten Mal auch Jugendliche aus aller Welt beteiligt waren. Und schließlich will ich noch unsere Diözesanwallfahrt nach Lübeck auf den Spuren der Lübecker Märtyrer nennen, die wir im Juni mit vielen Gläubigen aus allen Regionen unserer Erzdiözese gefeiert haben.

Schwestern und Brüder, das sind viele Ereignisse in Kirche und Welt. Wahrscheinlich kann jeder von Ihnen noch viele andere persönliche dazulegen, die mindestens genauso prägend waren. Wir können mit dem Jahreswechsel 2018 abschließen. Wir können um Verzeihung bitten. Wir können neu beginnen und uns für die Zukunft Neues vornehmen. Wir können aus den Erfahrungen von gestern Konsequenzen für das Morgen ziehen.

Was gibt unserem Leben eigentlich Gewicht? Was ist im Blick auf 2018 gewichtig, wertvoll, bedeutsam gewesen? Was könnte 2019 für uns entscheidend werden? Die Zeit und der Zeitenlauf an sich sicher nicht; dass etwas in unserem Leben passiert, schon eher. Entscheidend sind die Beziehungen, die wir in unserem Leben gestalten, ja die unser Leben ausmachen. Der Mensch lebt von der Erfahrung des Angenommen-Seins, von Zuwendung und Geborgenheit, von Menschlichkeit und Erbarmen. Leben ist Beziehung; Kirche ist Beziehung: Beziehung zwischen Gott und Mensch und der Menschen zueinander.

Diese weihnachtlichen Tage zeigen uns das wie kaum eine andere Zeit im Jahr: Menschen feiern miteinander, sie besuchen sich. Und: Gott geht diesen Weg der Beziehung von Anfang mit! Noch ehe Jesus zur Welt kommt, macht sich Maria auf zu Elisabeth. Die beiden Frauen verstehen sich (ohne Worte). Das Magnifikat entspringt ihrer Begegnung und Beziehung. Jesus wird schließlich in die menschliche Gemeinschaft hineingeboren und wächst als Mensch unter Menschen, in menschlichen Beziehungen auf.

Menschliches Leben ist immer ein dynamischer Prozess, ein Weg des Sich-Anvertrauens, des Sich-Auseinandersetzens, der Zuneigung, des Aufeinander-Zugehens. „Am wichtigsten unter der Sonne sind die Beziehungen“ [1]. Ich wünsche Ihnen, dass Sie 2019 die Beziehungsgeschichte Gottes mit uns Menschen fortsetzen in Ihrem persönlichen Leben und Glauben und dass das neue Jahr für Sie reich wird an guten Begegnungen!

[1] Ermes Ronchi, Die Weihnachtsüberraschung oder: was drinsteckt. München 2018, 45.