Schuld und Vergebung: Predigt von Erzbischof Thissen im ZDF-Gottesdienst am 14. März 2010

15. März 2010 um 1:57 Uhr

Fernsehgottesdienst-ThissenLiebe Schwestern und Brüder hier im Hamburger Mariendom und zu Hause am Fernsehen,

ich weiß nicht, ob Ihnen das auch so geht: Ich bin in Gedanken immer noch beim ersten Satz der ersten Lesung. Dort heißt es heute: Gott hat die Schande von seinem Volk abgewendet. Gemeint ist die Schande, dass Israel in Ägypten Sklavereidienst tun musste.

Aber ich bin mir sicher. Beim Stichwort Schande, da denken Sie eher an die Missbrauchsfälle heute. Wird Gott diese Schande auch von seinem Volk abwenden? Aber mit Sicherheit! Nur ist notwendig, dass wir das Unsre tun. Das heißt: Offenlegen, Aufklären, Sorge für die Opfer – und auch für die Täter. Damit erweisen wir als Kirche unserer ganzen Gesellschaft einen wichtigen Dienst. Denn alles, was unter den Teppich gekehrt wird, das fault und stinkt und verpestet die Atmosphäre. Das hat es viel zu lange gegeben. Alles was aufgedeckt, bearbeitet und bereut wird, das kann zur Heilung führen.

Richtig finde ich deshalb finde die Idee eines runden Tisches mit allen gesellschaftlich relevanten Gruppen. Denn wir sprechen ja von einhundertzwanzig Tausend Missbrauchsfällen Erwachsener an Kindern im Jahr in der Bundesrepublik Deutschland.

Dabei ist für uns als Kirche klar: Wir müssen das tun, was der verlorene Sohn im Evangelium tut. Umkehren, bekennen, dass wir gesündigt haben, dass wir Vertrauen enttäuscht haben, dass wir unseren Auftrag in diesem Punkt nicht so wahrgenommen haben, wie es mit Recht von uns erwartet werden konnte.
Wir müssen um Vergebung bitten und tun das auch.

Es ist schwer, Schuld bei sich selbst festzustellen. Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen, die sind schuld. Das tun wir als Kirche nicht. Wir wissen, nur Bekehrung, Bekenntnis und Buße führen zum Weg in die Vergebung hinein. Vergebung, das ist das entscheidende Stichwort an diesem mittleren Sonntag der österlichen Bußzeit.

Die Medien sind voll von Schuld und Schande. Und das soll nicht beschönigt werden. Das ist Realität. Aber Vergebung ist auch Realität. Zumindest in diesem Evangelium heute. Vergebung ist Realität bei Gott. Und deshalb kann Vergebung auch Realität bei uns Menschen sein, muss es sein. Vergebung ist etwas zutiefst menschliches. Jeder Mensch ist auf Vergebung angewiesen.

Vergebung erbitten für die Täter, Vergebung gewähren für die Opfer. Aber vor der Vergebung ist der Weg der Umkehr notwendig – mit Bekenntnis und Buße.
Machen wir uns nichts vor, jeder von uns ist auf irgendeinem Gebiet mal Täter und auf dem anderen Gebiet mal Opfer. Und weil das so ist, weil es auch in der Kirche viele Täter und Opfer gibt, deshalb ist es richtig, das wir als Kirche bei den Versuchen, die Wunden zu heilen, in vorderster Reihe mittun.

Die Wunden müssen offen gelegt werden. Die Wunden müssen behandelt werden. Die Wunden müssen verbunden werden. Aber wenn das alles geschehen ist und auch Bekehrung, Bekenntnis und Buße geschehen sind und auch die notwendigen strafrechtlichen Konsequenzen gezogen worden sind. Dann muss es auch Vergebung geben. Das Bitten um Vergebung und das Gewähren von Vergebung.

Aber zuerst ist der Weg der Bekehrung, des Bekenntnisses und der Buße zu beschreiten. Das Stichwort in der ersten Lesung, geht mir nahe. Schande! Im Evangelium heißen die Stichworte Schuld und Vergebung. Dazwischen haben wir einen kleinen Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus gehört. Dort steht ein bemerkenswerter Satz. Er heißt: In Christus sind wir neue Schöpfung. Das bedeutet: Wenn wir mit Christus leben, dann können wir neue Menschen werden. Dann können wir neu anfangen. Neu anfangen Bekehrung, durch Bekenntnis und Buße. Neu anfangen durch Vergebung erbitten und durch Vergebung gewähren. Dann trägt dieser Sonntag Laetare „Freue dich“ doch auch in diesem Jahr den richtigen Namen. Freu dich, du kannst neu beginnen. Wir können neu anfangen. Amen.