Weihnachtspredigt von Erzbischof Stefan Heße

24. Dezember 2017 um 23:00 Uhr

Die Weihnachtspredigt von Erzbischof Stefan Heße – gehalten in der Christmette im St. Marien-Dom am 24.12.2017 – dokumentieren wir nachfolgend im Wortlaut. Sie können das Dokument auch hier als PDF downloaden. Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,
gleich dreimal betont der Evangelist Lukas, warum sich Josef mit seiner schwangeren Frau Maria auf den Weg macht: Nämlich „um sich eintragen zu lassen“ (Lk 2,3). Vielleicht denken Sie jetzt an manchen Behördengang, an Formulare, an Warteschlangen, an Dokumente, die man dabei haben muss, an Gebühren, an Bürgerämter und Büros, an Meldezentren und nicht zuletzt an Ihre Steuererklärung…Für die meisten einfach nur lästig! Gut, wenn man es hinter sich hat.

Sicher auch eine Last für Maria und Josef, einfache, unbedeutende, eben kleine Leute, ohne Privilegien. Zudem eine werdende Mutter: hochschwanger – da macht man für gewöhnlich keine weiten Wege mehr. Sie tun, was von ihnen verlangt wird, was alle tun (müssen). Sie lassen sich registrieren – erst im Laufe der Zeit registrieren sie selber, was hier geschieht!

Es geschieht – wie Lukas sagt – zum allerersten Mal, dass Kaiser Augustus den ganzen Erdkreis in Steuerlisten eintragen lässt. Er bezieht den ganzen Erdkreis, also die damals bekannte Welt ein. Augustus will wissen, woran er ist. Er bestimmt und kein anderer. Augustus will wissen, über wen er herrscht, wie viele ihm zu Füßen liegen und ihm huldigen. Er will nicht nur einen einigermaßen guten Überblick haben, sondern die Lage in seinem Reich vollständig überblicken. Ordnung muss schließlich sein! Deswegen braucht er diese Erfassung in Listen. Es sind politische und fiskalische Gründe, die das junge Paar in Erwartung zum Aufbruch nötigen.

Wir dürfen annehmen, dass mit dem Namen Josefs und Marias auch der Name Jesus in die Steuerliste eingetragen wird. Jesus wird mit diesem Eintrag in die Liste existent. Er wird staatlich erfasst. Er wird in der Verwaltung existent. Gemäß dem lateinischen Grundsatz: Quod non est in actis non est in mundo. ‚Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt‘.

Ich habe geradezu den Eindruck, das Kind kommt zu einem Zeitpunkt auf die Welt, damit es noch auf dieser Liste erscheint. Das neugeborene Jesuskind darf auf dieser Liste offenbar nicht fehlen.

Mit dem Namen Jesus von Nazareth wird auf diese Steuerliste die Bedeutung Jesu für die ganze Welt und die ganze Menschheit eingeschrieben. Jesus heißt übertragen „Heil“. Ganz exakt übersetzt: Gott ist unser Heil. Das ist es, was auf der Liste, ja was im Leben der Menschheit nicht fehlen kann und darf: Gott ist Heil. Gott ist Erlösung. Gott ist Rettung.

Liebe Schwestern und Brüder,
Jesus auf der Liste des Augustus stellt mich vor die Frage: Habe ich ihn auf der Liste meines Lebens? Habe ich ihn für mich auf dem Schirm, auf dem Bildschirm meines Lebens? Taucht er in den vielen digitalen und analogen Listen und Dokumenten auf? Die besonderen Umstände bei der Geburt Jesu bedeuten für mich: Jesus will in meinem Leben dabei sein. Er will vorkommen. Er will mitmachen. Er will für mich und dich Heil, Heiland, Heilung, Erlöser, Befreier, Retter sein. Das heißt, er will die Bilanz deines Lebens ins Positive wenden.

Jesus lässt sich in diese Steuerliste eintragen und er bezahlt seine Steuern: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ (Mk 12,17), antwortet er denen, die ihn fragten, ob man denn überhaupt Steuern zahlen dürfe. Jesus bezahlt sogar eine Steuerlast in einem viel umfassenderen Sinne. Er löst in seinem ganzen Leben und Sterben die Schuld ein, die wie eine schwere Steuerlast auf der ganzen Menschheit ruht. Er ist bereit, die ganze Summe zu zahlen. „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben“ (Kol 2,14). Weil Jesus unsere Schuld getragen hat, weil er sie selber auf sich gezogen hat, nimmt er sie von uns weg und schenkt uns damit sein Heil, das unser Heil werden soll. Deswegen kann die Bilanz unseres Lebens nie negativ ausfallen. Sein Heil überwiegt immer alles Unheil. Er macht aus jedem Minus ein Plus.

Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Listen, auf denen man gerne steht, und andere, auf denen man sich lieber nicht finden will. Geheime Listen oder sog. Schwarze Listen – aber auch Listenplätze, bei denen man sogar ziemlich weit oben stehen will.

Jesus steht auf der Liste dieser Welt. Und wir: wir stehen auf seiner Liste. Zu seinen Jüngern sagt er einmal: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind (vgl. Lk 10, 20). Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, spricht vom Buch des Lebens, von dieser Liste, auf der die verzeichnet sind, die das ewige Leben erhalten. Jesu heilendes und erlösendes Kommen in die Welt, symbolisch sein Eintrag in der Steuerliste des Augustus, ist das Pfand für unseren Eintrag im Buch des Lebens.