Weihnachtspredigt von Erzbischof Stefan Heße

Veröffentlicht am 24. Dezember 2021 um 17:00 Uhr

Liebe Besucher/innen der Website des Doms,
liebe Abonnent/innen der „Dom-News“,

untenstehend finden Sie die Weihnachtspredigt von Erzbischof Stefan Heße, gehalten im St. Marien-Dom am 24. Dezember 2021 in der Christmette.

Das Online-Team des Doms wünscht Ihnen und Ihren Familien, auch im Namen von Erzbischof Stefan Heße, Dompropst Franz-Peter Spiza und Pfarrer Peter Mies, gesegnete und – wenn immer möglich – fröhliche Weihnachten!

 

Weihnachtspredigt
von Erzbischof Stefan Heße

Liebe Schwestern und Brüder,

auf den ersten Seiten der Bibel finden sich im Alten Testament die Erzählungen über die Anfänge: der Anfang von Himmel und Erde, den Anfang des Menschen. In diesen Anfang gehört auch die berühmte Erzählung vom Paradies mit dem Lebensbaum in der Mitte, von Adam und Eva, von der Schlange und dem berühmten Apfel. Der eine schielt auf den andern, jeder windet sich und redet sich heraus (vgl. Gen 3).

Im Deutschen kennen wir dieses Wort: heraus-reden. Mir ist es vor einigen Tagen geradezu sinnenfällig vor Augen gekommen, als ich ein Wort des 2017 verstorbenen Benediktinerabtes Odilo Lechner las, der von sich sagt: „Wie oft habe auch ich dem Herrn und anderen Menschen Treue versprochen und habe mich, wenn es ernst wurde, verdrückt, habe weggeschaut, mich ’heraus‘ geredet.“ Dabei hat er dieses ‚heraus‘ ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt und mir damit deutlich gemacht, was hier passiert: herausreden d. h. sich aus der Verantwortung stehlen, so tun, als gehe es einen gar nichts an, als hätte man noch nie davon gehört. Wer sich heraus-redet, der will mit der Sache nichts zu tun haben, der steckt eben nicht drin. Er bleibt draußen vor und ist nicht mittendrin.

Weihnachten heißt eben nicht sich herausreden oder heraushalten, sondern legt die Gegenrichtung ein: immer tiefer hereinkommen, drin sein. Wir feiern heute einen Gott, der sich bewusst entschieden hat, in diese Welt hineinzugehen und in das Leben des Menschen einzusteigen. Dieser Gott steht zum Menschen und stellt sich deswegen an seine Seite. Weihnachten heißt: Gott steht zu mir. Menschwerdung Gottes bedeutet: Gott steht zu jedem Menschen, zu mir, zu meiner Geschichte, zu dem Auf und Ab meines Lebens. Wir glauben an einen Gott, der sich uns gegenüber nicht herausredet nach dem Motto: Dich kenne ich nicht, mit dir habe ich nichts zu tun. Gott stellt sich an Weihnachten an unsere Seite, er wird unser Bruder und sagt uns: Wir gehören zusammen, wir sind ein Team.

Dieser Gott redet hinein in mein Leben. Er hat eine Botschaft für mich, ein Wort, einen Gedanken, der mich meint, der nur für mich da ist und für sonst niemand. Weihnachten kennt auch diese leise Seite, die mich auf den Grund meines Herzens, meiner Seele verweist, in der Gott ganz still mit mir kommunizieren möchte. Wenn Gott sich hineinredet in mein Leben, dann bedeutet es für mich, dass ich tiefer hineinhöre in mich selbst und dabei seine Stimme hören kann. Die Hl. Katharina von Genua (+1510) sagt kurz und bündig: „Mein tiefstes Ich ist Gott“. Echtes geistliches Leben fängt immer innen und zumeist ganz unten an.

Aber Weihnachten ist nicht nur eine Sache zwischen Gott und mir, in vertrauter Zweisamkeit. Weihnachten verlangt von mir, dass ich immer tiefer hinein höre in diese Welt, in die Gott hinein spricht. Weihnachten heißt hineinzuhören in die Welt, um Gottes Stimme aus ihr heraus zu hören. Weihnachten heißt zu hören auf das Weinen und Wimmern der ganz Kleinen, der Schwachen, der Jungen und Alten, derer, die vom Missbrauch betroffen sind und auf die wir lange überhaupt nicht gehört haben. Weihnachten heißt zu hören auf die Nöte derer, die sich mit Corona infizieren, Delta, Omikron oder welcher Variante auch immer und jetzt keinen Atem mehr haben. Weihnachten heißt hören auf die, die sich sorgen, wie es mit ihrem eigenen Leben, aber auch mit diesem Planeten weitergeht. Weihnachten heißt hören auf die Stimme der Migranten, weltweit mehr als 280 Millionen Menschen …

Gegen jedes ‚Heraus‘ setzen wir an Weihnachten ein ‚Hinein‘, gegen jedes Reden ein Tun, Weihnachten meint also nicht: herausreden, sondern: hinein tun. Es geht darum, die Liebe in die Welt hinein zu tun. Es kommt also nicht darauf an, zu der Inflation von Worten noch unzählige mehr hinzuzufügen, sondern sie mit Leben füllen, sie in die Tat umsetzen, sie Wirk-lichkeit werden lassen.

Weihnachten gibt uns eine Richtung vor: Hinein-tun statt Heraus-reden. Ich wünsche Ihnen von Herzen diese Ausrichtung für das diesjährige Weihnachtsfest!